Kaltes klares Wasser

Seit Wochen versuche ich irgendwie mal wieder einen guten Abend zu verbringen. Die Band hat sich aufgelöst und ich eiere nur noch zwischen Büro und Bett hin und her. Alle sind krank, weg oder sauer auf mich.

Ich komme gerade von Kathas Hochzeit und lege die grotesk schrillen Mahnungen auf den Stapel zu ihren Freunden von letzter Woche. Ich frage mich ob das eigentlich immer so weitergeht oder was dann? Sperren sie mich dann ein? Gepfändet haben sie das Konto ja schonmal. Die würden aber doch nie die Kuh schlachten die sie melken? Würden sie nicht. Oder?

Ich mache den Fernseher an. Ich habe Hunger. Der Kühlschrank gähnt mich an. Schadet mir garnicht mal ein paar Kilo abzunehmen denke ich und schütte einen Rest Milch auf die Cornflakes. Der Bruno ist nach Regensburg gezogen. Hannes ist beim Bund. Irgendwann kamen die Fragen vom Finanzamt. Vorausszahlung? Nachzahlung? 60 Tagessätze. Steuerberater Rechnungen. Der ganze Laden fällt mir auf die Füsse.

Ich habe die Synthis verkauft. Der Fiat Bertone rostet vor der Tür und bräuchte dringend mal eine Wartung. Nächsten Monat ziehe ich in eine kleinere Wohnung. Es wird alles nicht reichen.

Sylvain meldet sich per ICQ. Ob ich heute noch den Relaunch machen kann. Ich werfe die Konsole an und arbeite noch bis nach der Harald Schmidt Show.

Überdreht lege ich mich ins Bett. Das Licht vom Screen gepaart mit Nikotin und Koffein bilden eine unglückliche Allianz die mein Hirn in eine Endlosschleife schicken. Im Kopf rechne ich immer wieder die gleichen Zahlen durch.

Das Nokia vibriert. Ich stehe wieder auf. Ina hat Liebeskummer. Im Vivo müsste ich noch anschreiben können. Was soll’s. Let’s go down in style.

Ina trägt nur schwarz. Sie hat hennarote Haare im Bubischnitt und ist Mathematikerin. Das bedeutet man kann sich blendend mit Ihr unterhalten. Ausserdem kann sie saufen. Ich monologisiere meine Misere. Sie hört mir zu. Das tut gut.

Im Vivo ist nicht viel los, Ina leiht mir einen Fuffi. Sie will noch tanzen. Wir nehmen ein Taxi in die Schleißheimerstrasse. Wir fahren in unsere Gedanken versunken durch die verschneite Februarnacht. Da oben, wo BMW seine Tentakeln nach den letzten freien Flächen ausstreckt, wo man noch weit schauen kann, steht der Pulverturm. Ein alter Bauernhof beherbegt seit Urzeiten den winzigen Club mit Biergarten. Der Kunstnebel ist dort so dicht, dass man ganz vergisst wie klein der Laden ist. Sauerstoff ist was für Loser.

Gegen 2Uhr sind wir vor Ort. Der Lärm ist ohrenbetäubend. Wir drücken uns am Türsteher vorbei und hoffen, dass unser Bargeld reichen wird. Der nächste Geldautomat ist Kilometer entfernt und draussen ist es eisig. Drinnen ist es brutal warm und die Garderobe ist überfüllt. Ich verabschiede mich mental von meiner Jacke als ich diese einfach in irgendeine Ecke pfeffere. Alles egal. Sowieso wurscht jetzt.

Ina tanzt im Strobogewitter zu Malaria “Kaltes klares Wasser”. Malaria hab ich das erste mal bei Dieter gehört. Dieter hat’s erwischt. Wir haben ihn schon vor Jahren am neuen Südfriedhof beerdigt. Ich stehe an der Bar und trinke Weissbier. Es erinnert mich an früher. Damals, als wir immer zu mehreren unterwegs waren. Ich kenn hier ein paar Gesichter. Aber niemanden so richtig. Ich schau die Mädls an. Noch ein Bier.

Ina haut ab. Irgendwann. Ich bleibe.

Irgendwann klingelt was in meinem Kopf. Vage. Wie ein Echo aus einem Traum. Sie hat mir zugeprostet. Ich hab sie noch nie gesehen. Sie ist total süß. Blonde Locken und ein frisches Lachen. Ihre blauen Augen prickeln und wie elektrisiert fange ich an mit Ihr zu reden. Es gelingt mir es einmal nicht zu verbauern, wir tauschen Nummern. Am nächsten Tag habe ich eine E-Mail, dass meine Geschäftsidee zu “Zankapfel” die erste Finanzierungsrunde bekommen hat. Ich rufe Sylvain an und frage ihn ob er mit mir zusammen ein Startup gründen will. Dann nehme ich all meinen Mut zusammen und schreibe Clara eine SMS…