Kiesgruben-Hochzeit

Es gibt Kartoffelbrei bei meiner Oma in der Küche. Ich löffele meinen Teller leer und betrachte das Kruzifix an der Wand.
Im Schliessfach am Ostbahnhof wartet eine Flasche Southern Comfort auf mich die mir der Raffipunk aus dem Antifa-Laden in der Breisacher Strasse netterweise im Penny gekauft hat weil er schon 18 ist.

“Normalerweise mach ich das nicht, weil das ist voll scheisse für Euch” hat er gesagt und es dann gemacht.

Es klingelt an der Tür. Die Assi ist da und holt mich ab. Sie hat Ihre Flasche Baileys neben dem Bourbon im Schliessfach geparkt und schwingt sich im Hof auf Ihr Tigerenten Radl. Das war mal ein Postrad das sie angemalt hat. Mit den Radln geht’s über den Walter-Heerde Weg zum Max-Weber-Platz, die Jenny einsammeln, dann zum Ostbahnhof um den Schnapps aus dem Schliessfach zu holen. Ich muss dran denken, wie jemand mal die kleine Nadja ins Schliessfach gesperrt hat. Wie krass.

Wir fahren weiter über die Kreiller und die St. Augustinus bis rauf zur Friedenspromenade. Da treffen wir die anderen “Truderinger”. Die Kliche, die Manu, die große Nadja, den Umpfi, den Mayr und den Rest. Die Möne ist nicht dabei. Es ist ja heute ihre Kiesgrubenhochzeit und die sind schon draussen im Perlacher Forst, da beim Schwedenstein wo irgendein General beerdigt sein soll.

Unser kleiner Tross radlelt durch die Gartenstadt die im samstagnachmittäglichen Koma erstarrt ist und als wir an der Kiesgrube ankommen färbt die Spätsommersonne das Tal sanft hellrosa. Am See unten stehen schon einige Leute. Es steigt Rauch auf. Der Micha und die Möne sehen super aus. Möne sieht aus wie aus einem Film. Sie hat zum langen roten Kleid hohe Stiefel an und trägt eine Art Kopfschmuck, Micha hat sein Castro-Cappi auf, die Bison im Mund und sieht eigentlich aus wie immer. Aber trotzdem supercool.

Wir lassen die Räder oben und mit pochendem Herzen stürzen wir uns den Hang zur Grube hinab. Dickes Bussi allerortens, die Freunde vom Micha aus der Oberstufe sind auch da. Ich habe jetzt schon Probleme den Bismarck zu verstehen. Aber ich bin mir nicht sicher ob er nicht einfach wirklich so redet.

Die Zeremonie dauert nicht lange. Ein paar Ringe aus der “Mausefalle” werden an die Hände gesteckt und dann läuft “Hey, Joe” auf nem Kassettenrecorder. “I heard you shot your woman down.” Wie apart. Ich fange an den Southern Comfort in mich hineinzuschütten. Dankenswerterweise geht die Sonne bereits unter und so kann der Abend seinen Lauf nehmen. “Am Ende werden sie mich in den See werfen um mich aufzuwecken” denke ich und freue mich über “New Model Army” während ich ins Lagerfeuer schaue:

“Sacrifice these crutches
to the crackling flames
stand as silhouettes against the dawn
It’s far too late to try to sleep now
seems I’m never tired any more.”

Ich verstehe nicht wieso Anmar die Susi im Arm hat. Die haben sich doch den ganzen Abend nur gestritten?
Ich höre englische Sprachfetzen neben mir und drehe mich um. Fast hätte mich der Schlag getroffen. Der Bruno ist gekommen. Ich dachte er wäre noch in USA auf Austausch. Ich habe ihn fast ein Jahr nicht mehr gesehen. Man erkennt ihn kaum wieder, die blonden Haare sind weit über schulterlang und er trägt einen Armyparker. Er redet aus Gewohnheit Englisch und ist total auf Zeitverschiebung wegen der Coffees. Aber was er redet ist total Bruno. Wir fallen uns in die Arme und beginnen uns zu erzählen was in dem Jahr alles passiert ist. Bei uns ist nichts passiert. Egal. Ich erzähle haarklein, wer mit wem.

Am nächsten Morgen wache ich beim Umpfi im Keller auf. Da haben sie ein Matrazenlager und wir können da immer pennen, die wohnen direkt in Waldtrudering am Waldrand. Seine Eltern sind nie da, höchstens seine große Schwester. Die hat mal gesagt: “Janietz, Du wirst sicher mal eine ganz tolle Freundin haben.” Ich hätte sie gern als Freundin.

Oben sitzen bereits die anderen und plündern den Kühlschrank. Jemand hat Spiegelei gemacht und es gibt Cornflakes und Obst. Kaffee in rauhen Mengen und auf der Bang&Olufsen Anlage im Wohnzimmer läuft Fugazi. Wie Hyäenen schlagen wir uns den Bauch voll. Draussen scheint die Sonne und bald schon sitzen wir im Garten. Bruno schaut nicht gut aus. Er humpelt und hat eine Schramme am Kopf. “Bin mit Sigi vom Kiesgruben-Bagger gefallen”. Offenbar hat ihm der Sturz geholfen sein Deutsch wiederzufinden.

Wir gehen raus auf die Terrasse. Sigi und Bruno verziehen sich in die Hollywood Schaukel in Umpfis Garten. Ich reisse mir die Klammotten vom Leib und mache eine Arschbombe in den Pool.